Wildmongolen

Wildmongolen
Meriones unguiculatus

Haltung - Fütterung - Zucht
Als sich 2003 die Gelegenheit bot, F1-Nachzuchten von Wildfängen der Mongolischen Rennmaus (Meriones unguiculatus) zu erwerben, zögerte ich nicht lange und nahm drei Paare mit nach Hause. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich vor allem die domestizierte Form der Mongolischen Rennmaus in meinem Bestand, die ich in sechs verschiedenen Farbformen züchtete.
Daneben hielt ich einige weitere nicht domestizierte Rennmausarten, u. a. die Shaw Rennmaus (M. shawi), sodass ich Vergleiche zwischen domestizierten und "wilden" Rennmäusen anstellen konnte. Da mich gerade das ursprüngliche Verhalten der Tiere faszinierte, war es natürlich ein Traum, auch die Stammform meiner Heimmongolen halten zu können und diese mit ihren an den Menschen angepassten Verwandten zu vergleichen.
Unterschied im Aussehen
Schon auf den ersten Blick erkannte ich deutliche Unterschiede zwischen den domestizierten Rennmäusen und ihren „wilden“ Verwandten. Die Wildmongolen wirkten insgesamt kompakter, wozu ihre geringere Körpergröße und der im Vergleich zur domestizierten Form kürzere, dafür aber dickere Schwanz beitrug. Besonders auffällig waren diese Unterschiede bei den Alpha-Tieren innerhalb der Gruppe, denn diese waren deutlich massige, als die restlichen Gruppenmitglieder. Auch die Kopfform der wilden mongolischen Rennmäuse unterschied sich von der ihrer domestizierten Verwandten. Die Schnauze war kürzer und runder und erfüllte somit viel deutlicher das Kindchenschema.

In der Farbe konnte ich im Vergleich zu den agoutifarbenen "Heimmongolen" kaum Unterschiede ausmachen, lediglich die Trennlinie zwischen Rücken- und Bauchfärbung wirkte bei den Wildmongolen etwas kontrastierter.
Robuste Gesundheit
Besonders gespannt war ich auf die gesundheitliche Konstitution der Tiere, klagten Halter und Züchter der domestizierten Form doch zunehmend über die enorme Krankheitsanfälligkeit ihrer Tiere. Zu den am häufigsten genannten Erkrankungen zählten dabei Epilepsie, Nestlingsdurchfall, auch eine Anfälligkeit gegenüber Tumoren wurde immer wieder berichtet und vermiesten so manchem Liebhaber sein Hobby. Gründe für die Krankheitsanfälligkeit gibt es sicher viele, neben den Haltungsbedingungen oder auch dem Alter der Tiere war aber sicherlich auch der Prozess der Domestikation eine nicht unwesentliche Ursache für die gehäuft auftretenden Probleme.

Vor allem die Kombination verschiedener Verlustmutationen, um immer wieder neue Farbschläge herauszuzüchten, hat den Tieren nicht gut getan und ihr übriges zu sinkender Lebenserwartung und Anfälligkeit für Erkrankungen beigetragen.
Verantwortungsbewusste Züchter hatten aber auch zu diesem Zeitpunkt gesunde Stämme der domestizierten Rennmäuse. Wie aber würde es bei den Wildmongolen aussehen?

Sie erwiesen sich als äußerst robust und es traten in den ersten zwei Jahren keinerlei Erkrankungen auf. Erst im dritten Jahr verlor ich einige gerade selbstständige Jungtiere, was aber auf falsch gelagertes Futter zurückgeführt werden konnte. Auch in den folgenden Jahren erfreuten mich meine Tiere mit guter Gesundheit und Vitalität. Im hohen Alter von 5 Jahren traten dann aber bei zwei der Stammtiere Tumore auf, die letztlich auch zum Tod führen. Dies ist aber für Nagetiere nichts Ungewöhnliches und ähnliche Alterserkrankungen treten z. B. auch bei Farbratten auf. Insgesamt zeigte sich jedoch, dass die wilden Mongolen deutlich langlebiger sind, als ihre domestizierten Verwandten. Zum Zeitpunkt dieses Berichts leben immer noch drei Tiere der ursprünglich erworbenen Tiere, die damit nachweislich mindestens sieben Jahre alt sind, ein für Mongolische Rennmäuse geradezu biblisches Alter. Und bis zur Mitte des letzten Jahres sorgten die Senioren sogar noch für Nachwuchs, wobei die Wurfgröße zuletzt mit zwei Jungtieren deutlich kleiner war, als bei jüngeren Tieren.
Von wegen bekrallter Krieger

Der Artname der Mongolischen Rennmaus bedeutet übersetzt "bekrallter Krieger" und so verhalten sich die meisten domestizierten Rennmäuse auch. Gruppen mit mehr als zwei Tieren bleiben meist nicht lange stabil und auch die Vergesellschaftung fremder Tiere führt den Halter vor teilweise erhebliche Probleme.
Die Wildmongolen verhielten sich da ganz anders. Die Gruppe unternahm von Beginn an alles gemeinsam, wobei das Alphapaar stets voranging und bestimmt, wo es lang ging. Egal ob es sich um Fressen, Schlafen oder das Zerlegen von Einrichtungsgegenständen, immer waren alle Gruppenmitglieder gemeinsam mit von der Partie. Kam es zu Störungen am Gehege, streckten alle Tiere ihre Nase aus dem gemeinsamen Nest, um die Ursache für die Störung zu analysieren.

Dieser Gruppenzusammenhalt blieb so lange bestehen, bis die dritte Generation geboren wurde, wobei Würfe immer nur vom Alphaweibchen erfolgten. Nach dem dritten Wurf, der nach etwa einem Jahr erfolgte (insgesamt war die Wurffolge deutlich langsamer als bei domestizierten Mongolen), wurden die ältesten Jungtiere aus dem gemeinsamen Nest vertrieben, wobei die Aggression deutlich harmloser waren, als ich dies von domestizierten Tieren kannte und fast ausschließlich den jungen Männchen galt.

Nachdem ich diese aus der Gruppe herausgenommen hatte, kehrte wieder Ruhe ein, bis nach einiger Zeit und weiteren Würfen wiederum die ältesten Jungtiere vertreiben wurden, wie dies auch in der Natur der Fall ist.

Andere Halter, die Tiere aus meiner Nachzucht bekommen hatten, berichteten später, dass bei ihnen deutlich früher aggressives Verhalten auftrat und es auch zu tödlichen Verletzungen kam, eine Erfahrung , die ich in den gesamten sieben Jahren niemals machen musste. Die Ursache hierfür liegt meines Erachtens in zwei Dingen begründet. Ich halte es für absolut essentiell, die Jungtiere so lange wie möglich bei den Eltern zu lassen. bei mir ist der Nachwuchs mindestens ein halbes Jahr bei den Eltern dabei und lernt so alle erforderlichen Verhaltensweisen inklusiver der Aufzucht von Jungtieren kennen. So sozialisierte Tiere zeigten bei mir bis auf eine Ausnahme niemals unkontrollierte Aggressionen gegenüber Artgenossen. Die Befürchtung, dass junge Weibchen von ihrem Vater gedeckt werden könnten, hat sich dabei als unbegründet erwiesen, da dies bei mir noch nie aufgetreten ist (übrigens auch bei meinen domestizierten Mongolen nicht).

Der zweite Grund ist aus meiner Sicht, dass ich meine Tiere vollkommen in Ruhe lasse und sie nicht groß händel. Nur zur täglichen Pflege und Futtergabe greife ich in das Gehege hinein, ansonsten können die Tiere ihre eigene Gruppenstruktur ausleben. Ständiges Herumgrabbel führt nach meiner Ansicht dazu, dass das Gruppengefüge ständig gestört wird, zudem nehmen die Tiere dadurch den Geruch des Menschen an, was bei so stark olfaktorisch orientierten Tieren wie den Rennmäusen zwangsläufig zu Irritationen führen muss. In der Folge müssen die Tiere ständig die Rangfolge klären, sodass keinerlei Ruhe in die Gruppe kommt und sich die Aggressionen regelrecht aufschaukeln.
Vergesellschaftung
Unter den oben genannten Voraussetzungen können Mongolische Rennmäuse der Wildform also problemlos in Gruppen gehalten werden. Dabei spielte in all den jahren die Zusammensetzung der Geschlechter innerhalb der Gruppe keinerlei Rolle. Selbst Gruppen, in denen sich mehrere adulte Männchen befanden, waren stabil. dabei zeigte sich jedoch, dass nur das dominante Männchen seine volle Körpermasse entwickelte, während die restlichen Männchen eher semiadult wirkten. Wurde sie jedoch aus der Gruppe entfernt und ohne weitere Männchen mit Weibchen vergesellschaftet, erreichten sie ebenfalls innerhalb weniger Wochen ihre volle Größe und sorgten dann auch für Nachwuchs.
Letztlich hat es sich dennoch als Vorteil erwiesen, wenn eine Gruppe aus mehr Weibchen als Männchen besteht, da hier mehr Ruhe in der Gruppe herrscht, da das dominante Männchen nicht ständig seine Konkurrenten im Auge behalten muss. Deshalb habe ich bei der Neuzusammenstellung von Gruppen mit denen ich auch züchten wollte immer darauf geachtet, dass ein Männchen mit zwei bis drei Weibchen vergesellschaftet wurde. Männchen, die nicht zur Zucht verwendet wurden, wurden in Junggesellengruppen gehalten, welche ebenfalls problemlos funktionierten. Allerdings achtete ich auch darauf, niemals erst in ein Gehege mit Weibchen zu greifen, bevor ich in das Gehege der Junggesellen griff.
Wildmongolen intelligenter?

Nicht nur im sozialen Umgang, auch im sonstigen Verhalten zeigen "wilde" Mongolen deutliche Unterschiede zu den domestizierten Tieren. Die Wildform weist ein deutlich stärkeres Explorationsverhalten auf, nichts innerhalb ihres Geheges bleibt unberührt. Dabei beobachten sie ihre Umgebung sehr genau und bringen eine unendliche Geduld bei der Lösung von Problemen auf, die sie mit erstaunlicher Intelligenz und Beharrlichkeit lösen. So dauerte es bei mir nur wenige Tage, bis sie den Öffnungsmechanismus ihres Käfigs durchschaut hatten und die Schiebscheiben des Terrariums selbstständig öffnen konnten, dies gelang den domestizierten mongolischren Rennmäusen niemals.
Erste Mutation

Ingesamt machten mir meine wilden Mongolen nur Freude in den sieben Jahren. In verschiedensten Haltungsformen konnte ich Gruppen bis zu 20 Tiere gemeinsam halten und mich an ihrem Verhalten erfreuen. Allerdings sorgten die Tiere auch einmal für eine eher unangenehme Überraschung, als nämlich in einem Wurf plötzlich ein schwarzes Jungtier auftrat, was mir vor Augen führte, wie schnell Nagetiere mit einer schnellen Generationenfolge zur Domestikation neigen. Allerdings sollen solche Schwärzlinge auch in freier Wildbahn auftreten, sodass es sich dabei letztlich um einen vollkommen natürlichen Prozess handelt. Dennoch habe ich diese Tier aus der Zucht herausgenommen.
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